Heraldischer Verein "Zum Kleeblatt" von 1888 zu Hannover e.V.
Trägerverein der Niedersächsischen Wappenrolle (NWR)
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Der Wappengebrauch:
Wappenführung im Namensstamm



Das den Namensstamm erläuternde Schaubild stammt von dem Juristen und Heraldiker Dieter Müller-Bruns (Kleeblatt / MdH). Zur Vereinfachung wird in diesem Schaubild eine Führungsberechtigung der Ehepartner nicht berücksichtigt. Die auf dieser Seite benutzte männliche Form von Begriffen wie „Wappenstifter" etc. (generisches Maskulinum) gilt gleichwertig für männliche und weibliche Personen. 


Müller-Bruns, Dieter:  Wappenrechtliche Aspekte von Familienwappenrollen - Teil 2 - 4, KLEEBLATT - Zeitschrift für Heraldik und verwandte Wissenschaften, Ausgaben 2/2015 und 1+2/2016, www.wappenkunde-niedersachsen.de  -  Müller-Bruns: Überlegungen zu Grundzügen des Wappenrechts, in HEROLD-Studien Band 9: Wappen heute – Zukunft der Heraldik? Eine Historische Hilfswissenschaft zwischen Kunst und Wissenschaft, S. 33 ff., 2014. -  Müller-Bruns: Wappenrecht - Schutz des Wappens, KLEEBLATT, Ausgabe 4/2005, S. 13 ff.;  als umfangreiche Ergänzung: Über die Grundzüge des sogenannten Wappenrechts, Kleeblatt, Ausgabe 1/2011, S. 59 ff.  -  Peter, Bernhard: Rund um die Wappenführung: Weitergabe von Wappen in der Familie, www.welt-der-wappen.de  -  Richau, Martin:  Die Beschränkung der Führungsbefugnis eines Familienwappens auf den Mannesstamm im Lichte der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nach Art. 3 Abs. 2 Grundgesetz, in HEROLD-Jahrbuch 19. Band, S. 219 ff.


Die Vereine "ZUM KLEEBLATT" (Hannover), "HEROLD" (Berlin) und "DER WAPPEN-LÖWE" (München) mit ihren Wappenrollen bekennen sich zu der bevorzugten Registrierung von Familienwappen mit einer Erklärung zur Führungsberechtigung im Namensstamm.

Der Verein "ZUM KLEEBLATT" rät als Trägerverein der Niedersächsischen Wappenrolle (NWR) bundesweit bereits sehr lange zur Anwendung des reinen Namens- und Nachkommenschaftsprinzips. Das NWR-Statut sieht bei Neuregistrierungen allein die Festlegung der Führungsberechtigung im Namensstamm vor. Hierbei handelt es sich um eine bewusst rechtskonforme Handhabung. Die in einem Familienwappen zum Ausdruck kommende Familienidentität wird ausreichend nachprüfbar in männlicher und in weiblicher Linie direkt weitergegeben, soweit und solange von den Nachkommen noch der direkt weitergegebene Familienname (Müller-Bruns: "Wappenname") aktiv geführt wird. Ein Familienwappen ist das generationsübergreifende persönliche Kennzeichen einer durch ihren Namen und ihre Nachkommensgemeinschaft bestimmbaren Familie. Hieraus ergeben sich die Voraussetzungen für eine Führungsberechtigung.
 

Von einer - wohlmöglich explizit erst im 20. Jahrhundert wirklich aufgekommenen - Festlegung der Führungsberechtigung nur im sog. "Mannesstamm" wird heute verstärkt abgeraten und sogar gewarnt. Der bekannte Heraldiker Dr. Bernhard Peter (Kleeblatt / KMdH) führt erläuternd aus, dass eine derartige Form der Weitergabe bedeutet, dass ein Wappen von allen Nachkommen im "Mannesstamm" des ersten Wappenträgers geführt werden kann und dass die jeweiligen Nachkommen beiderlei Geschlechts jeweils (nur) einer Generation Anspruch auf das Wappen des jeweiligen Vaters haben, soweit und solange noch der Familienname getragen wird. Nur die ehelichen Söhne und Töchter einer Ausgangsperson sollen dabei Berücksichtigung finden, die anderen Nachfahren der Ausgangsperson werden ausgegrenzt. Dadurch haben beim sog "Mannesstamm" eheliche Töchter zwar ebenfalls einen Anspruch auf das Wappen ihres Vaters, geben dieses aber an ihre Kinder (die nach dieser durch die Realität und die bestehende Rechtslage überholten Sichtweise immer noch allein nur den Familiennamen des Ehemannes erhalten) nicht weiter.
Da die Söhne und deren Söhne usw. Wappen und Familiennamen an ihre Nachkommen weitergeben, entsteht im Laufe der Generationen der sog. "Mannesstamm". Alle ehelichen Söhne jeder Generationsebene dürfen danach das Wappen führen und weitergeben, alle ehelichen Töchter aus einer Generationsebene dürfen hingegen das Wappen zwar bis zu ihrem Tode führen, aber eben nicht weitergeben. Man spricht beim "Mannesstamm" auch von einer sog. "agnatischer Abstammung".

Konkret: Bei Anwendung des sog. Mannesstammes wird den direkten Nachkommen des Wappenstifters, die ihren Familiennamen direkt über die Mutter erworben haben, das Wappen als Kennzeichen der Familie bewusst verwehrt. Wenn also jemand einen Sohn und eine Tochter hat und beide behalten ihren Geburtsnamen, geben ihn auch an die eigenen Kinder als Familiennamen weiter, so dürfen zwar die Kinder des Sohnes, nicht aber die der Tochter das Wappen der Familie führen, obwohl alle denselben Familiennamen tragen und direkte Nachkommen des Wappenstifters sind. 
Der Begriff „Familie“ wird bei einem Familienwappen damit zu Unrecht auf die männlichen Familienmitglieder reduziert, indem nur den ehelichen Söhnen die Weitergabe der väterlichen Wappenführung zugebilligt wird. So wird zu Unrecht der Enkelin eines Wappenstifters die Führung des Wappens ihres Großvaters versagt, nur weil sie das eheliche oder nichteheliche Kind seiner Tochter ist, obwohl sie als sein Nachkomme seinen Familiennamen, direkt weitergegeben, trägt. Den Wappenstiftern der Vergangenheit war dies selber häufig kaum bewusst. Der sog. "Mannesstamm" wurde ihnen - besonders intensiv im fortschreitenden 20. Jahrhundert und häufig ohne jegliche Möglichkeit einer Alternative - durch die Wappenrollen vorgegeben. Die Formulierung wurde dann regelmäßig ohne jegliches Hinterfragen abgeschrieben. 

Eine Festlegung auf nur den sog. "Mannesstamm" wird von Juristen und rechtskundigen Heraldikern heute sehr kritisch gesehen und abgelehnt (vgl. Müller-Bruns, Peter, Richau). In der Fachliteratur werden in Wappenrollen für Antragsteller vorgenommene Registrierungen mit derartigen Festlegungen unter Verweis auf die mittelbare Drittwirkung von Grundrechten sowie auf § 134 BGB (Gesetzliches Verbot) und § 138 BGB (Sittenwidriges Rechtsgeschäft) sogar bereits als rechtlich nichtig eingestuft. Der Jurist und Heraldiker Dr. Martin Richau (MdH) weist in seiner Untersuchung im HEROLD-Jahrbuch mahnend darauf hin, dass die Folgen der Nichtigkeit der Erklärungen zum Kreis der Berechtigten sehr unerfreulich sind, denn sowohl die Nichtigkeit nach § 134 BGB als auch die nach § 138 BGB erstreckt sich auf das Rechtsgeschäft als Ganzes. Die Mahnung ist berechtigt: Greift eine solche rechtliche Einstufung, so ist die gesamte Erklärung zur Führungsbefugnis nichtig und rechtlich nicht existent. In der Literatur wird für eine allgemeine Umdeutung solcher, wohlmöglich als nichtig einzustufenden Erklärungen in rechtskonforme, geschlechtsneutrale Festlegungen plädiert (so Richau, MdH).

Das „Recht an einem Familienwappen“ ist ein eigenständiges Rechtsinstitut des Privatrechts, das auf Gewohnheitsrecht beruht. Es ist ein neben dem rechtsähnlichen Namensrecht stehendes, nicht in ihm enthaltenes Gewohnheitsrecht zur Kennzeichnung der eigenen Familie (vgl. Müller-Bruns). Das Familienwappen ist vom Grundgedanken der Heraldik her an die Fortführung des Familiennamens des Wappenstifters (Wappenname) sowie an die nachzuweisende Nachkommenschaft vom Wappenstifter gebunden. Durch dieses grundlegende Doppelerfordernis bleibt der (Familien-)Zusammenhalt der Wappenberechtigten gewahrt (Ahnengemeinschaft). Die Familienidentität kann dabei zusammen mit dem Familiennamen durchaus auch in weiblicher Linie weitergegeben werden. Hiernach sind bestimmte Personen an einem Familienwappen führungsberechtigt und andere Personen eindeutig nicht. Diese Klarheit ist in der Heraldik ausdrücklich erwünscht, da später nicht eine Vielzahl von Menschen dasselbe Familienwappen führen soll, ohne dass ein verwandtschaftlicher Zusammenhang erkennbar ist.
 
Unter Beachtung von Sinn und Zweck dieser alten wappenrechtlichen Grundsätze kann heute nur die - rechtlich vorgegebene, nicht abdingbare - Gleichstellung von Mann und Frau zum Tragen kommen, um eine dauerhaft rechtskonforme, nicht angreifbare Eintragung der Führungsberechtigung in einer Wappenrolle zu gewährleisten. Deshalb ist eine heutige Eintragung ohne Nennung des sog. "Mannesstammes", d. h. mit implizierter Festlegung des Namensstammes, nach Auffassung des Vereins „ZUM KLEEBLATT“, richtig und geboten. Bei abweichenden älteren Eintragungen ist ein erleichterter Wechsel zu einer Führungsberechtigung im Namensstamm zu ermöglichen.

Es ist für die Einhaltung von Sinn und Zweck der gewohnheitsrechtlich geprägten wappenrechtlichen Grundsätze dabei allein, aber konsequent, das Namens- und Nachkommenschaftsprinzip einzuhalten (so eindringlich Müller-Bruns). Hierdurch ist der Kreis der führungsberechtigten Familie ausreichend bestimmbar. Der Jurist und Heraldiker Dieter Müller-Bruns führt zur Begründung weiterhin aus, dass das Recht an einem Familienwappen, also die Berechtigung zur Führung und Weitergabe, auf dem Gewohnheitsrecht beruht. Als solches lebt es durch die Handhabung der Betroffenen und Verantwortlichen. Es entzieht sich damit aber nicht einem grundlegenden gesellschaftlichen Wertewandel. Auch dürfen die auf dem Gewohnheitsrecht beruhenden Grundsätze bei ihrer Anwendung nicht gegen kodifiziertes Recht verstoßen.  

Die wappenrechtlichen Grundsätze und damit der Gebrauch eines Familienwappens bewegen sich nicht sakrosankt außerhalb des durch die Verfassung und die geltenden Gesetze festgelegten Bereichs. Hierüber ist bei den Wappenstifterberatungen immer wieder intensiv aufzuklären. Die Fortentwicklung der wappenrechtlichen Regeln als Teil der Heraldik mit dem Ziel, ihren historisch gewachsenen Sinn zu erhalten und dem Wappenwesen als ernsthaftes Kulturgut in der Öffentlichkeit weiterhin Geltung zu verschaffen, muss daher Ziel der zur Förderung der Wissenschaft anerkannten gemeinnützigen heraldischen Fachvereine sein.


 

Zusammenfassung:

Beim Namensstamm sind alle männlichen und weiblichen natürlichen und rechtlichen Nachkommen des Wappenstifters ab Geburt berechtigt, dasselbe Wappen zu führen, soweit und solange sie noch den direkt weitergegebenen Familiennamen des Wappenstifters, auch als Teil eines Doppelamens) tragen.

Der Namensstamm mit seinem Namens- und Nachkommenschaftsprinzip enthält als zwingende Voraussetzungen:

  • Nachkommenschaft von Mann und Frau vom Wappenstifter (bzw. von einem nachgewiesenen Wappenführungsberechtigten)

  • aktive Weiterführung des direkt weitergegebenen Familiennamens des Wappenstifters
     
    Die Festlegung der Berechtigung zur Führung und Weitergabe eines Wappens im Namensstamm ist rechtskonform. Bei einem durch die heraldischen Vereine mit ihren Wappenrollen konsequent angewandten Namensstamm bedarf es für die Einhaltung von Sinn und Zweck der wappenrechtlichen Grundsätze keiner weiteren Voraussetzungen.